[7.3.26] Rede der Antifa Bonn/Rhein-Sieg

wir dokumentieren hier die Rede der Antifa Bonn/Rhein-Sieg bei der Vorabenddemo zum 8. März unter dem Motto „Take back the streets – Gemeinsam Anti-Feminismus bekämpfen“.

Liebe Freund*innen, liebe solidarische Menschen,

wir stehen hier, weil wir uns nicht damit abfinden, dass in unserer Stadt, im Land und auf der ganzen Welt immer noch und leider auch immer mehr Stimmen laut werden, die Frauenrechte, Selbstbestimmung und queere Lebensweisen angreifen, kleinreden oder gleich komplett ablehnen.

Antifeminismus ist Kern rechter Bewegungen. Er bildet eine Brücke zwischen konservativem Milieu und der extremen Rechten. Wer es mit Antifaschismus ernst meint, muss auch Antifeminist*innen angreifen. Antifeminismus ist kein abstraktes Phänomen – er hat Gesichter und Adressen. Er tritt auf, wenn konservative, reaktionäre und neurechte Kräfte versuchen, die Fortschritte der emanzipatorischen Bewegung auszuhebeln. Sie setzen Gleichberechtigung als angebliche „ideologische Übertreibung“ herab. Diese Kräfte organisieren sich, sie vernetzen sich – auch hier bei uns in Bonn und in der Region.

Ein prominentes Beispiel: Die Burschenschaft der Raczeks: Ein Männerbund mit langen Traditionen im extrem rechten Milieu. Nationalismus, Rassismus und Antifeminismus sind zentrale ideologische Bausteine bei den Raczeks. Um die Vernetzung der Antifeminist:innen kurz deutlich zu machen hier ein paar Beispiele: In den letzten Jahren traten regemäßig bundesweit bekannte AfD-Politiker bei den Raczeks auf. Die Burschenschafter begeben sich mit Mitgliedern der ehemaligen Revolte Rheinland auf Unternehmungen. Der Raczekbruder und Youtuber Simon Thiele belästigt unsere Demonstrationen in der Region, wie zum Beispiel die Pride in Brühl. Er wird regelmäßig auf AfD-Veranstaltungen gesehen. Aber natürlich sind die Raczeks nur die Spitze des Eisberges. Wichtig ist festzustellen: Alle Burschenschaften sind exklusive Männerbünde.

Antifeminismus ist nicht nur eine Frage von Aussagen oder Programmen – sondern eine Frage von Struktur: Netzwerke, die Frauen ausschließen, reproduzieren männliche Dominanz. Wir fordern daher : Wohnraum schaffen – Burschenschaften enteignen!

Leuchten wir einmal weiter ins Netzwerk der extremen Rechten in Bonn. Von den Raczeks fällt das Licht fast automatisch auf die AfD. Die AfD als Partei verbreitet Elemente des Faschismus wie die Verherrlichung von “Männlichkeit” in Verbindung mit Stärke und Militarismus. Frauen werden als „Gebärerinnen der Nation“ gesehen. Gemeinsam mit anderen konservativen Parteien und Strömungen haben sie Angst vor „Gender-Ideologie“, kämpfen gegen Vielfalt und verteidigen ein phantasiertes harmonisches „traditionelles Familienbild“ und fordern wörtlich eine “Remaskulinisierung”.

Und im Dunstkreis der AfD, zuletzt auch beim Gründungstreffen der neuen Parteijugend in Gießen vertreten, befindet sich das vor allem im Internet aktive Netzwerk Lukreta. Gründerin ist Reinhild Boßdorf, Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf aus Königswinter. Die Hauptthese der eher jüngeren Lukreta-Frauen: Durch massenhafte Ausweisung von aus ihrer Sicht nicht-Deutschen würden sie sich wieder sicher fühlen. – Also, wenn ich lese, was die AfD als Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt jüngst veröffentlicht hat, muss ich sagen, dass ich mich dadurch bedroht fühle – und für die meisten von uns, die hier stehen, wäre das wahrscheinlich auch so.

Kürzlich trat ein ehemaliges Mitglied von Lukreta vor die Presse und kritisierte den unsäglichen Umgang mit Frauen innerhalb der AfD. Frauen würden zur „Erweiterung des eigenen Propagandaspektrums“ instrumentalisiert und seien keine gleichwertigen politischen Akteurinnen. Gleichzeitig verfestigen Gruppen wie Lukreta ein traditionelles Frauenbild, während die tatsächliche Macht in den Händen männlicher Parteifunktionäre liegt.

Wir wollen andere Parteien, explizit die CDU, hier nicht übersehen. Männliche Dominanzstrukturen sind ein Problem, immer und überall. Sie gefährden die hart erkämpften Rechte der feministischen und queeren Bewegungen, gegenwärtig beispielsweise das Selbstbestimmungsgesetz.

Und dann sind da noch die fundamentalistischen christlichen Strömungen, die unter dem Deckmantel des sogenannten „Lebensschutzes“ immer wieder versuchen, Fortschritte in Fragen der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung zu blockieren oder zurück zu drehen. Sei es bei der Aufklärung über und beim Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen oder bei der Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt. In Bonn haben in den letzten Jahren zusammen mit den CDU-nahen CDL (Christdemokraten für das Leben), finanziert durch die Konrad-Adenauer-Stiftung, Veranstaltungen stattgefunden, auf denen sich Akteur:innen aus verschiedenen Fachbereichen ausgetauscht und vernetzt haben. Abtreibungsgegner:innen belästigen Menschen auf dem Weg in entsprechende Praxen, organisieren Märsche, im Internet wimmelt es von fadenscheinigen Beratungsangeboten, die Schwangere unter Druck setzen. Solche Angriffe sind kein Zufall, sondern strategisch: Sie zielen darauf ab, feministische Bewegungen zu isolieren und zu delegitimieren.

Wenn rechte Verbindungen und Parteien glauben, sie könnten mit Männerbünden und rückwärtsgewandten Ideen die Uhr zurückdrehen, dann liegen sie falsch! Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Geschlechter die gleichen Rechte, die gleiche Würde und gleiche Möglichkeiten zur Entfaltung haben. Antifeminismus und Menschenfeindlichkeit, ob in Burschenschaftshäusern, Parteien, in Kirchenbänken, in der Uni oder in der Schule, gehören entlarvt und bekämpft.

Lasst uns laut sein. Lasst uns sichtbar sein. Und lasst uns gemeinsam dafür kämpfen, dass Bonn ein Ort ist, in dem wir uns alle sicher fühlen können. Das bedeutet auch, dass wir die Straßen, die Kneipen, die Betriebe den Rechten nicht kampflos überlassen. Gerade in Zeiten, wo rechte Gewalt, auch in Bonn, zunimmt! Lasst uns Strukturen schaffen, in denen Dominanzverhalten bekämpft wird (not all men but always men…)! Lasst uns Strukturen schaffen, in denen wir Verantwortung und Räume teilen, und Macht solidarisch reflektieren. Lasst uns grenzenlos solidarisch sein mit unseren Genoss*innen und Schwestern auf der ganzen Welt.

Für eine feministische, gerechte und freie Gesellschaft! Alerta Antifascista!