{"id":483,"date":"2019-10-21T08:49:11","date_gmt":"2019-10-21T06:49:11","guid":{"rendered":"http:\/\/antifabonn.blogsport.de\/2019\/10\/21\/redebeitrag-demo-gegen-rechte-gewalt\/"},"modified":"2019-10-21T08:49:11","modified_gmt":"2019-10-21T06:49:11","slug":"redebeitrag-demo-gegen-rechte-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/?p=483","title":{"rendered":"Redebeitrag: Demo gegen rechte Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Redebeitrag wurde auf der &#8222;DEMO GEGEN RECHTE GEWALT! &#8211; anl\u00e4sslich der Anschl\u00e4ge in Halle und Z\u00fclpich&#8220; am 11. Oktober in Bonn gehalten:<\/p>\n<p>Wir alle sind geschockt und emp\u00f6rt \u00fcber den antisemtischen Terroranschlag in Halle. Diese Emp\u00f6rung m\u00fcssen wir auf die Stra\u00dfe tragen, damit aus einem Anschlag keine Welle wird. Dieser Anschlag steht im Kontext eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, der Antisemitismus und andere menschenfeindliche Positionen zunehmend in die Mitte der Gesellschaft sp\u00fclt. Es ist aber nicht nur n\u00f6tig, den Anschlag in seiner gesellschaftlichen Bedeutung zu verstehen, sondern sich auch mit den Strukturen zu besch\u00e4ftigen, auf die der T\u00e4ter Bezug nimmt und in deren Kontext er seine Tat stellt.<\/p>\n<p>Auch wenn vieles \u00fcber den Terroranschlag von Halle noch Unklar ist, l\u00e4sst sich eines klar sagen: Der Anschlag wurde auf eine sehr eindeutige Weise inszeniert. Dies deutet darauf hin, dass der Hintergrund des M\u00f6rders nicht in den in der BRD etablierten und seit Jahrzehnten bestehenden rechtsterrorististischen Strukturen liegt. Die Inszenierung des Anschlags verweist auf eine relativ neue, \u00fcber das Internet organisierte rechtsradikale Subkultur, die in der letzten Zeit immer wieder Massenm\u00f6rder produzierte, die sich gegenseitig anstacheln.<!--more--> Jeder Anschlag wird f\u00fcr die Community m\u00f6glichst umfassend dokumentiert und erfahrbar gemacht, um so wiederum den n\u00e4chsten zu inspirieren. Dabei ist es in den letzten Jahren zu einer Zielverschiebung gekommen: Wenn man die Kette der sich aufeinander beziehenden Terroranschl\u00e4ge einige Jahre zur\u00fcckverfolgt, erkennt man, dass die Morde fr\u00fcher vor allem explizit frauenfeindlich motiviert waren. Heute bekunden die T\u00e4ter ein geschlossen faschistisches und explizit antisemitisches Weltbild. Als Radikalisierungsraum funktionieren dabei explizit faschistische Unterforen auf den Imageboards 4chan und 8chan, sowie deren diversen kleineren Ablegern. Diese Boards haben eine spezifische Kultur aus Zynismus, Trolling und selbstreferenziellen Witzen hervorgebracht, auf die sich der M\u00f6rder von Halle in der Inszenierung seines Anschlags immer wieder bezieht.<\/p>\n<p>&#8211; Das er die Tat mit einer Helmkamera filmte und auf der Gaming Plattform twitch streamte, ist eine Kopie des Vorgehens von Brenton Tarrant, der im M\u00e4rz dieses Jahres 55 Menschen in einer Moschee in Neuseeland ermordet hat. Ebenfalls in dieser Kontinuit\u00e4t steht der Massenmord in El Paso im August.<br \/>\n&#8211; Zu Beginn seine Videoaufnahme bezeichnet er sich selbst als Anon, was auf die Standardbezeichnung, die jeder User dieser anonymen Imageboards erh\u00e4lt, verweist<br \/>\n&#8211; Der Anschlag sollte ein Vorbild f\u00fcr die Community sein: In seinem Manifest beschreibt der M\u00f6rder, dass er demonstrieren m\u00f6chte, dass Massenmorde auch mit selbstgebauten Waffen begangen werden k\u00f6nnen. Damit wollte er zeigen, dass Terrorakte nach US amerikanischem Vorbild auch an Orten begangen werden k\u00f6nnen, in denen automatische Schusswaffen nicht einfach verf\u00fcgbar sind.<br \/>\nZitat aus dem Manifest: \u201ethe whole deal is to show the viability of improvised guns. After all some of you guys don\u00b4t have the luxury of industrial made equipment.\u201c<br \/>\n&#8211; Dass ein deutscher Neonazi seinen Anschlag auf eine Synagoge auf Englisch kommuniziert, verweist auch darauf, dass er sich an eine Internet Subkultur richtet, in der er selbst radikalisiert wurde.<br \/>\n&#8211; Quer durch sein Manifest ziehen sich Insiderwitze. So schreibt er in seiner Waffenbeschreibung \u00fcber ein Schwert, dass er bei der Tat Mitnehmen wollte: \u201eAs much as a Weapon, as a Shitpost\u201c. <\/p>\n<p>Dies alles zeigt: bei dem Anschlag von Halle, wie schon bei dem in Cristchurch, haben wir es mit eine neuen, absolut zynischen Form des Rechtsterrorismus zu tun. Massenmord als Trolling. Ich pers\u00f6nlich halte das f\u00fcr eine neue Form der Menschenverachtung. Es ist nicht nur bis zur Vernichtung gehender Hass. Der Mord ist dar\u00fcber hinaus auch noch ein dummer Witz. Der T\u00e4ter begeht den Mord aus einer zynischen, ironischen Distanz heraus, als ultimative Missachtung des Opfers. Diese neue Form der kulturellen Aufladung der Morde ist charakteristisch f\u00fcr eine neue Form des Rechtsterrorismus, die bisher parallel zu den bereits bestehenden rechtsterroristischen Netzwerken funktioniert.<br \/>\nDiese neue Form des Terrorismus wurde recht zutreffend charakterisiert als \u201estochastischer Terrorismus\u201c. Dabei geht es nicht mehr um spezifisch ausgew\u00e4hlte Anschlagsziele oder um Einflussnahme auf konkretisierbare politische Prozesse. Man sieht sich als Soldaten in einem global ausgetragenen Krieg der wei\u00dfen Rasse gegen Juden, Feministinnen und People of Color. Man formiert sich als anonymer Mob im Internet und \u00fcbt digital Gewalt aus, in erster Linie gegen Frauen. Die anonymen Nazis bleiben physisch meist vereinzelt, verlieren sich aber gemeinsam im kollektiven Wahn geteilter Internetplattformen. Man radikalisiert sich gegenseitig in immer zynischere, ironisch distanzierte Menschenverachtung, glorifiziert vorangegangene M\u00f6rder und redet \u00fcber ihren \u201eHighscore\u201c bis wieder ein weiterer Faschist seinen Krieg in die reale Welt tr\u00e4gt und mordet. Welcher T\u00e4ter es am Ende ist, ist Zufall, und wo genau er zuschl\u00e4gt, ist eigentlich Egal. Der Krieg ist global. Der Bezugspunkt ist nicht die Deutsche Volksgemeinschaft, sondern eine als weltweit bedroht empfundene wei\u00dfe Rasse. Das macht deutlich: Hier von einem Einzelt\u00e4ter zu reden, ist v\u00f6lliger Schwachsinn. Jemanden, der vermutlich \u00fcber Jahre Teil eines rechten Mobs war, der seine Identit\u00e4t aufgegeben hat um im Schwarm-Faschismus der Imageboards aufzugehen, der sich dabei selbst so sehr entmenschlicht hat, dass er in der Lage war willk\u00fcrlich Passanten umzubringen, einen Einzelt\u00e4ter zu nennen, nur weil der Mob, zu dem er geh\u00f6rt, im Internet stattfindet, ist Schwachsinn.<\/p>\n<p>In dem Manifest des T\u00e4ters wird ein Weltbild erkennbar, das f\u00fcr die Politically Incorrect Boards von 4chan und 8chan, ihre Ableger, sowie diverse Incel Foren typisch ist. Dabei handelt es sich um ein umfassendes rassistisches und frauenfeindliches Wahnkonstrukt, das durch Antisemitismus zusammengehalten und plausibilisiert wird. Man glaubt dabei, das Wei\u00dfe eine unterdr\u00fcckte, von Ausl\u00f6schung bedrohte Minderheit sind. Man glaubt des weiteren an die Ideologie vom \u201eGro\u00dfen Austausch\u201c wie sie auch in und um die AFD verbreitet wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass es eine gro\u00df angelegte Verschw\u00f6rung gibt, die wei\u00dfe Rasse zu ersetzen. Die verschiedenen Menschengruppen, die von Nazis gehasst werden, sollen dabei ineinandergreifende Rollen \u00fcbernehmen.<br \/>\n-&gt; Feministinnen und emanzipierte Frauen im Allgemeinen schw\u00e4chen die herbeihalluzinierte Rassengemeinschaft, wenn sie nicht einer Rolle als Geburtsmaschinen in der heterosexuellen Kleinfamilie entsprechen.<br \/>\n-&gt; Muslime und People of Colour (PoC) stellen die quasi animalische Konkurrenz, die die \u201ewei\u00dfe Rasse verdr\u00e4ngen wird\u201c, wenn diese sich nicht entsprechend diszipliniert.<br \/>\nDieser offensichtliche Schwachsinn braucht aber noch eine weitere Komponente, um plausibel zu werden: Antisemitismus.<br \/>\nDenn Frauen und PoC sind im Weltbild der Faschisten ja eigentlich Unterlegene und k\u00f6nnen von sich aus keine Bedrohung darstellen. Erst durch eine globale j\u00fcdische Verschw\u00f6rung, die im Hintergrund F\u00e4den zieht, k\u00f6nnen die \u201e\u00fcberlegenen\u201c wei\u00dfen M\u00e4nner ernsthaft bedroht werden. Hier liegt auch die Anschlussf\u00e4higkeit an die Ideologie der sogenannten Incels, die sich ihr gesamtes Weltbild rund um ihre sexuellen Minderwertigkeitskomplexe herum aufbauen. Sie f\u00fchlen sich von Frauen bedroht und permanent gedem\u00fctigt, obwohl sie davon \u00fcberzeugt sind, dass es ihr Naturrecht als M\u00e4nner sein sollte, \u00fcber die K\u00f6rper von Frauen zu verf\u00fcgen. Um diesen Bruch zwischen Wahn und Wirklichkeit zu kitten, bedient man sich wiederum des Antisemitismus und erkl\u00e4rt den Feminismus zur j\u00fcdischen Verschw\u00f6rung. Ob sich der M\u00f6rder von Halle selbst als Incel bezeichnet, ist noch nicht klar, er nimmt in seinem Anschlagsvideo jedoch explizit auf diese Ideologeme Bezug.<\/p>\n<p>Die Rolle des Antisemitismus als Letztbegr\u00fcndung ist dann auch der Grund f\u00fcr die Zielauswahl des M\u00f6rders von Halle. In seinem Manifest beschreibt er die Synagoge als sehr schwieriges Ziel; er geht davon aus, dass er an den Sicherheitsma\u00dfnahmen scheitern k\u00f6nnte, wie es dann auch tats\u00e4chlich passiert ist. Dies steht seinem Ziel, die N\u00fctzlichkeit selbstgebauter Waffen f\u00fcr Terroranschl\u00e4ge zu beweisen, entgegen. Er schreibt explizit, dass es f\u00fcr diesen Zweck kl\u00fcger w\u00e4re, ein Autonomes Zentrum oder eine Moschee anzugreifen. Aber: Linke und Muslime bezeichnet er als \u201eGolems\u201c, von Juden kontrollierte Kreaturen. 100 Golems zu t\u00f6ten mache keinen Unterschied, aber wenn es ihm gel\u00e4nge, auch nur einen Juden zu t\u00f6ten, dann w\u00e4re es die Sache Wert.<br \/>\nAls Feindbild benennt er dabei explizit das ZOG, das Zionist occupied Government, die von Zionisten kontrollierte Regierung. Er referenziert damit die Verschw\u00f6rungstheorie, dass die Regierung der BRD und anderer westliche L\u00e4nder von Zionisten kontrolliert werde, die eine Israelfreundliche Politik auf Kosten der eigenen Bev\u00f6lkerung betreibe. Die Praxis des Zionist sagens und Jude meinens wird durch den T\u00e4ter von Halle bis in ihre letzte m\u00f6rderische Konsequenz durchexerziert.<br \/>\nAls es ihm dann weder gelingt, in die Synagoge einzudringen, noch die Menschen durch Granatenbewurf herauszutreiben, beginnt er beliebig Leute zu t\u00f6ten. <\/p>\n<p>Jana L. wurde get\u00f6tet, weil sie zuf\u00e4llig vorbei lief. Kevin S. weil er in seiner Mittagspause einen D\u00f6ner essen wollte.<\/p>\n<p>Kein vergeben, kein vergessen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Redebeitrag wurde auf der &#8222;DEMO GEGEN RECHTE GEWALT! &#8211; anl\u00e4sslich der Anschl\u00e4ge in Halle und Z\u00fclpich&#8220; am 11. 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