{"id":2094,"date":"2025-03-28T11:15:18","date_gmt":"2025-03-28T10:15:18","guid":{"rendered":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/?p=2094"},"modified":"2025-03-28T11:25:17","modified_gmt":"2025-03-28T10:25:17","slug":"29-03-25-anreise-zur-demo-20-jahre-danach-erinnern-an-thomas-schulz-in-dortmund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/?p=2094","title":{"rendered":"[29.03.25] Anreise zur Demo \u00bb20 Jahre danach. Erinnern an Thomas Schulz\u00ab in Dortmund"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 29. M\u00e4rz fahren wir gemeinsam nach Dortmund, um dort an der Demonstration in Erinnerung an Thomas \u201eSchmuddel\u201c Schulz und allen Opfern rechter Gewalt teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Treffpunkt:<br>\ud83d\udcc5 29.03. \/\/ 10:45h<br>\ud83d\udccd Treffpunkt: Bonn Hbf, Gleis 1, Abschnitt E (Rampe)<br>\ud83d\ude83 Wir nehmen den RE5 Richtung K\u00f6ln<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aufruf zur Demonstration<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><div class=\"cc-attribution-box-container\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2025\/03\/autonome_antifa_170_1740495681778-819x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2097\" srcset=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2025\/03\/autonome_antifa_170_1740495681778-819x1024.webp 819w, https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2025\/03\/autonome_antifa_170_1740495681778-240x300.webp 240w, https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2025\/03\/autonome_antifa_170_1740495681778-768x960.webp 768w, https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2025\/03\/autonome_antifa_170_1740495681778.webp 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><div class=\"cc-attribution-box\"> <\/div><\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Es folgt der Aufruf zur Demonstration von der Autonomen Antifa 170 &amp; Antifa Union Dortmund.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufruf zur antifaschistischen Demonstration gegen rechte Gewalt in Erinnerung an Thomas \u00bbSchmuddel\u00ab Schulz*<br>Am 28. M\u00e4rz 2025 j\u00e4hrt sich der Mord an Thomas Schulz zum 20. Mal. Diesen Jahrestag wollen wir zum Anlass nehmen, um nach l\u00e4ngerer Zeit wieder mit einer Demonstration in Dortmund an die Tat zu erinnern und die Kontinuit\u00e4ten rechter Gewalt zu benennen. Denn zum einen verblasst nach zwei Jahrzehnten das \u00f6ffentliche Bewusstsein f\u00fcr die Tat zusehends, zum anderen ist gegenw\u00e4rtig auch kein Ende rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Blick zur\u00fcck<\/h3>\n\n\n\n<p>Um kurz nach 19.00 Uhr traf der damals 17-j\u00e4hrige Neonazi Sven Kahlin an der U-Bahn-Station \u00bbKampstra\u00dfe\u00ab auf eine Gruppe Punks, die auf dem Weg zu einem Konzert waren. Nach einem Wortgefecht wollte einer von ihnen, Thomas Schulz, der von seinen damaligen Freund*innen \u00bbSchmuddel\u00ab genannt wurde, die rechten Beleidigungen Kahlins nicht unkommentiert lassen und folgte ihm die Rolltreppe hinunter auf das U-Bahn-Gleis. Dort zog der Neonazi pl\u00f6tzlich ein Messer und stach es Thomas mit erheblicher Wucht ins Herz. Thomas Schulz starb wenig sp\u00e4ter im Alter von 31 Jahren im Krankenhaus und hinterlie\u00df eine Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bedurfte damals keiner aufwendigen Recherchen, um einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Mord an Thomas Schulz und der Ideologie des T\u00e4ters herzustellen. Sven Kahlin war Mitglied in der damals noch aktiven \u00bbSkinhead-Front Dortmund-Dorstfeld\u00ab, machte aus seinem neonazististischen Weltbild keinen Hehl und war bereits vor der Tat mit Angriffen auf Punks in Erscheinung getreten. Dennoch konnte das Gericht im anschlie\u00dfenden Strafprozess keine politische Gesinnung hinter dem t\u00f6dlichen Messerstich erkennen, der dieserart zu einem aus dem Ruder gelaufenen Streit verharmlost wurde. Nach einigen Jahren Strafhaft wurde Sven Kahlin schlie\u00dflich wegen einer angeblich \u00bbg\u00fcnstigen Sozialprognose\u00ab vorzeitig entlassen und pr\u00fcgelte sich danach weiter durch Dortmund: Erst beteiligte er sich 2010 an einem \u00dcberfall der \u00bbSkinhead-Front\u00ab auf die linke Kneipe \u00bbHirsch-Q\u00ab, ein Jahr sp\u00e4ter schlug er einen t\u00fcrkischen Jugendlichen zusammen \u2013 auch hier vermochte das Gericht keine rassistische Motivation zu erkennen. Kahlin zeigte sich zwischenzeitlich in einem T-Shirt mit der unmissverst\u00e4ndlichen Aufschrift \u00bbIch bereue nichts\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schilderungen stehen sinnbildlich f\u00fcr den fatalen Umgang der Justiz mit rechter Gewalt in Dortmund, die den Neonazis damals einen regelrechten Freifahrtschein ausstellte. Polizei und Stadtverwaltung standen dem kaum nach: Das massive Nazi-Problem der 2000er Jahre wurde ignoriert und verharmlost \u2013 ein Verhalten, das ma\u00dfgeblich zur Verfestigung neonazistischer Strukturen in Dortmund beitrug. So waren es ab dem Jahr 2005 vor allem Antifa-Gruppen, die das Problem ernst nahmen und sich den Neonazis in den Weg stellten. Kurz nach dem Mord an Thomas Schulz demonstrierten rund 4.000 Antifaschist*innen in Dortmund. Bis zum Jahr 2015 organisierten Antifa-Gruppen j\u00e4hrlich zum Todestag eine antifaschistische Gedenkdemonstration.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst im vergangenen Jahr, also 19 Jahre sp\u00e4ter, wurde der Mord im Rahmen einer Neubewertung durch die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden als politisch motivierte Tat eingestuft und Thomas Schulz auch offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Auch wenn damit endlich eine der Forderungen der j\u00e4hrlichen \u00bbSchmuddel-Demo\u00ab erf\u00fcllt wurde, kommt dies viel zu sp\u00e4t und \u00e4ndert letztlich nichts an der skandal\u00f6sen Geschichte des Umgangs mit rechter Gewalt in Dortmund.<\/p>\n\n\n\n<p>Dortmund, eine Zentrale des Neonazismus<br>Es verging etwas \u00fcber ein Jahr nach dem Tod von Thomas Schulz, bis in Dortmund wieder ein Mensch von Neonazis ermordet wurde: Am 04. April 2006 wurde Mehmet Kuba\u015f\u0131k in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstra\u00dfe von Mitgliedern des \u00bbNationalsozialistischen Untergrunds\u00ab (NSU) erschossen. Diese Tat entpuppte sich erst als rassistisch motivierte Hinrichtung, als der NSU sich selbst enttarnte. Obwohl seine hinterbliebenen Familienangeh\u00f6rigen diesem Verdacht folgend noch im selben Jahr der Ermordung in Dortmund eine Demonstration mit der Forderung \u00bbKein 10. Opfer\u00ab organisierten. Selbstkritisch m\u00fcssen wir einr\u00e4umen, dass auch wir diese rechte Mordserie nicht als solche erkannt haben, genauso wenig wie die Ermittlungsbeh\u00f6rden. Es ist erstaunlich, dass sie trotz eines Hinweises einer Zeugin auf Neonazis auch im Dortmunder Fall das Motiv nur im n\u00e4heren Umfeld des Opfers suchten \u2013 ein Indiz f\u00fcr die Wirkung von strukturellem Rassismus in Beh\u00f6rden. Dabei drangsalierten sie Mehmet Kuba\u015f\u0131ks Familie und unterstellten ihm vermeintliche Kontakte in kriminelle Milieus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Motiv h\u00e4tte man in der Dortmunder Neonazi-Szene leichter finden k\u00f6nnen, da es tats\u00e4chlich enge Verbindungen zu den T\u00e4tern des NSU gab. F\u00fcr eine Unterst\u00fctzung des NSU vor Ort spricht neben einer von Neonazis frequentierten Kneipe in der N\u00e4he des Kiosks, dass sich Neonazis aus dem Umfeld der Dortmunder RechtsRock-Band \u00bbOidoxie\u00ab als \u00bbCombat 18\u00ab-Zelle im rechtsterroristischen \u00bbBlood and Honour\u00ab-Netzwerk organisierten. Auch Stephan Ernst, der M\u00f6rder von Walter L\u00fcbcke, war im Jahr 2009 in Dortmund zu Gast und attackierte zusammen mit anderen Neonazis eine 1. Mai-Demonstration des DGB.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Beginn dieses Jahrtausends wissen wir: Die Dortmunder Neonazis sind nicht nur organisatorisch und ideologisch eng mit rechten M\u00f6rdern verbunden, sondern sie \u00fcben auch selbst regelm\u00e4\u00dfig Gewalt aus \u2013 ganz im Sinne ihrer Ideologie. Der Mord an Thomas Schulz war letztlich die Folge des Versuchs, die eigenen Machtphantasien als \u00bbNationaler Widerstand Dortmund\u00ab brutal in die Tat umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontinuit\u00e4ten und Wandlungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Die T\u00e4ter<em>innen von damals, die in den Jahren 2000 bis 2009 noch als \u00bbAutonome Nationalisten\u00ab an gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen beteiligt waren und den Mord an Thomas Schulz verherrlichten, waren sp\u00e4ter als Parteifunktion\u00e4r<\/em>innen in der Partei \u00bbDie Rechte\u00ab (nach der Fusionierung mit der NPD als \u00bbDie Heimat\u00ab) aktiv. Und auch als solche \u00fcbten sie Gewalt aus und trugen mit der Organisation des \u00bbKampf der Nibelungen\u00ab zur weiteren Etablierung einer rechten Kampfsportpraxis bei. Doch in den vergangenen Jahren durchlief der organisierte Neonazismus in Dortmund einige gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen. Die wohl spektakul\u00e4rste ist der Wegzug mehrerer langj\u00e4hriger F\u00fchrungsfiguren in ostdeutsche Bundesl\u00e4nder, die f\u00fcr sich keine politische Perspektive mehr im Ruhrgebiet sahen. Auch die strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung von rechten Gewaltt\u00e4tern wie dem untergetauchten Steven Feldmann, der sich zugleich als Stra\u00dfenschl\u00e4ger und Social-Media-Star der Szene versucht hatte, hat die \u00f6rtliche Neonazi-Szene ver\u00e4ndert. Die personellen L\u00fccken sind seither eindr\u00fccklich bemerkbar und schlagen sich in einem deutlich geringeren Aktionsniveau und verminderter Handlungsf\u00e4higkeit nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles darf aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Dortmund \u00fcber Jahre hinweg ein zentraler Schwerpunkt rechter Gewalt war, dessen Akteur*innen sich nach wie vor hier bewegen und \u00fcber aktive Strukturen verf\u00fcgen \u2013 auch wenn sie ihre Handlungsf\u00e4higkeit eingeb\u00fc\u00dft haben. Insofern sind Einsch\u00e4tzungen, die Dortmunder Szene sei zerschlagen, wie es j\u00fcngst noch einmal der Dortmunder Polizeipr\u00e4sident bekr\u00e4ftigte, wohl eher dem halbgaren Blick aus strafrechtlicher Perspektive geschuldet als einer tats\u00e4chlichen Analyse neonazistischer Organisation in Dortmund. Vergessen wir nicht: \u00c4hnliche verbale Kraftmeiereien haben sich bisher immer als Trugschluss erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt bleibt die Behauptung des Neonazis Sven Skoda auf einer Kundgebung Ende letzten Jahres in Dorstfeld vor nur ein paar Dutzend Kamerad*innen, \u00bbdas Revier\u00ab sei durch den Nachwuchs \u00bbgewachsen\u00ab, offensichtlich Wunschdenken. Doch die neuerliche Beteiligung einiger rechtsaffiner Jugendlichen in der Szene l\u00e4sst bei den Dortmunder Neonazis und ihrem neuen Wortf\u00fchrer Skoda offenbar wieder Hoffnung aufkeimen. Tats\u00e4chlich sind in Dortmund in den vergangenen Monaten einige j\u00fcngere Neonazis aufgefallen, die gemeinsam rechte Aufkleber klebten oder unter eigent\u00fcmlichen Bezeichnungen wie \u00bbDeutscher St\u00f6rtrupp\u00ab versuchten, CSD-Veranstaltungen im Ruhrgebiet zu st\u00f6ren. Auch wenn die Dortmunder Neonazis in den vergangenen Jahren immer wieder rechte Jugendcliquen angezogen haben, darf bezweifelt werden, dass sich mit den teilweise Minderj\u00e4hrigen nun eine neue Kameradschaftsszene aufbauen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von den Basenballschl\u00e4gerjahren zum Rechtsruck?<\/h3>\n\n\n\n<p>Gleichwohl sind die Nazi-Kids Ausdruck einer bestehenden Attraktivit\u00e4t rechter Ideologien f\u00fcr Jugendliche. In den vergangenen Jahren ist durchaus bundesweit zu beobachten, dass sich j\u00fcngere Neonazis in neuen Gruppierungen wie der \u00bbElblandrevolte\u00ab, der \u00bbNationalrevolution\u00e4ren Jugend\u00ab oder der \u00bbDivision MOL\u00ab formieren und Gewalt aus\u00fcben. Auff\u00e4llig ist, dass sich einige dieser Jugendlichen wieder am subkulturellen Habitus der Neonaziszene der 1990er Jahre orientieren und sich mit Springerstiefeln und Bomberjacke kleiden. Dies ruft Erinnerungen an die mittlerweile als \u00bbBaseballschl\u00e4gerjahre\u00ab bezeichneten Eskalationen rechter Gewalt in diesem Jahrzehnt wach, die zahlreiche Todesopfer forderten. Offenbar imitieren die Nachwuchs-Neonazis ihre Elterngeneration, wenn sie sich nun aktiv an \u00dcbergriffen beteiligen \u2013 entweder um kameradschaftliche Anerkennung zu erlangen oder schlicht aus ideologischer \u00dcberzeugung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch, wenn die rechte Gewalt aktuell nicht das Niveau der neunziger Jahre erreicht hat, bricht sie sp\u00e4testens seit dem Jahr 2015 wieder verst\u00e4rkt aus. Neben unz\u00e4hligen Angriffen auf Migrant*innen und Linke haben dies insbesondere die rassistischen Mobbildungen in Sachsen, die in den Ausschreitungen in Chemnitz gipfelten, der Mord an Walter L\u00fcbcke, der antisemitische Anschlag auf die Synagoge in Halle und der rassistische Anschlag in Hanau verdeutlicht. Hinzu kommen immer wieder neue Enth\u00fcllungen \u00fcber rechte Netzwerke, die sich bewaffnen und Umsturzfantasien hegen. Neben der Gewalt von Neonazis ist auch in unorganisierten rechten Milieus eine Radikalisierung zu beobachten, die den Schritt zur Gewaltaus\u00fcbung immer k\u00fcrzer werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ein Faktor daf\u00fcr muss die Ver\u00e4nderung der politischen Kultur der letzten Jahre benannt werden, die vor allem durch die zunehmende Pr\u00e4senz der \u00bbAlternative f\u00fcr Deutschland\u00ab bestimmt wird, die die Normalisierung ihrer rassistischen und nationalistischen Ideologie vorantreibt. Ob der Begriff des \u00bbRechtsrucks\u00ab daf\u00fcr angemessen ist, bleibt fraglich. Denn dann m\u00fcsste man davon ausgehen, dass die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten weniger rechts gepr\u00e4gt war. Deswegen l\u00e4sst sich besser von rechten Kontinuit\u00e4ten sprechen. Zumindest aber haben die AfD und ihre Vorfeldorganisationen in den letzten Jahren ein Klima geschaffen, in dem sich rechte Gewalt immer weniger verstecken muss. Es ist auch die Rhetorik der Partei, die der allt\u00e4glichen Gewalt gegen\u00fcber Migrant*innen, Gefl\u00fcchteten, queeren Menschen und allen, die als \u00bbanders\u00ab markiert werden, weiter die T\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die AfD ist zwar nicht die neue NPD, aber es gelingt ihr, einen relevanten Teil der Bev\u00f6lkerung mit rechten Einstellungen hinter sich zu versammeln, die die AfD \u00fcbrigens nicht wider besseres Wissen, sondern aus \u00dcberzeugung und autorit\u00e4rem Ressentiment w\u00e4hlen. Die noch existierenden neonazistischen Splitterparteien blicken daher gleichsam neidvoll und w\u00fctend auf die AfD. Allerdings scheint es f\u00fcr eine rechte W\u00e4hlerschaft leichter zu sein, eine Partei zu w\u00e4hlen, die mit bizarren Formulierungen eine Distanz zum Nationalsozialismus vorgibt, als einen Nazi-Kandidaten zu w\u00e4hlen, der Hitler stolz auf die Wade t\u00e4towiert hat. Allerdings k\u00f6nnen Unvereinbarkeitslisten und andere Feigenbl\u00e4tter nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass sich auch in AfD-Kreisen rechte Gewaltt\u00e4ter<em>innen tummeln, sei es als Mitarbeiter<\/em>innen von Abgeordneten oder gleich in militanten Vereinigungen wie den \u00bbS\u00e4chsischen Separatisten\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wider die Verharmlosung rechter Gewalt<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Muster solcher und \u00e4hnlicher Gruppierungen beruht auf einer geradezu apokalyptischen Wahrnehmung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungsprozesse: Rechte Buzzwords wie \u00bbGro\u00dfer Austausch\u00ab oder \u00bbVolkstod\u00ab deuten darauf hin, dass die extreme Rechte den vermeintlich fremdbestimmten Untergang der \u00bbdeutschen Kultur\u00ab kommen sieht, der nur noch mit Gewalt aufgehalten werden kann. Der rechte Hass auf Liberalisierung entl\u00e4dt sich dann an denjenigen, die im rassistischen und antisemitischen Weltbild daf\u00fcr verantwortlich gemacht werden, seien es Migrant<em>innen, J\u00fcd<\/em>innen oder Politiker<em>innen. Diese Erz\u00e4hlung findet sich auch durchg\u00e4ngig in den Pamphleten rechter Terrorist<\/em>innen. Neonazis und rechte Netzwerke leiten aus dieser Ideologie die Vorstellung einer Art B\u00fcrgerkrieg ab, der \u2013 ausgel\u00f6st durch einen \u00bbTag X\u00ab \u2013 das politische System destabilisieren soll, um sich selbst als Ordnungsmacht zu inszenieren und so Einfluss zu gewinnen. Dennoch scheinen nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft bei Gewalttaten oder der Aufdeckung rechtsterroristischer Gruppierungen immer wieder davon \u00fcberrascht zu sein, dass Neonazis ihre Gewalt- und Vernichtungsvorstellungen auch in die Tat umsetzen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Zustand ist auch Folge einer jahrelangen Verharmlosung und Leugnung rechter Gewalt. Die Taten werden entpolitisiert, indem entweder der rechte Hintergrund ignoriert wird oder reflexartig Vergleiche mit linker Gewalt gezogen werden, die auf eine Relativierung hinauslaufen. Dies f\u00fchrt auch dazu, dass die Situation und die \u00c4ngste von Betroffenen nicht ernstgenommen werden und ihre Perspektive nicht in die Bewertung rechter Gewalt einflie\u00dft. Der allt\u00e4gliche Antisemitismus und Rassismus, dem die Betroffenen ausgesetzt sind, wird daher kaum registriert, so dass offenbar immer erst schwere Gewalttaten der Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine halbherzige Auseinandersetzung mit rassistischen und antisemitischen Verh\u00e4ltnissen sein m\u00fcssen. So ist es nicht verwunderlich, dass nach immer wiederkehrenden Gewalttaten und Anschl\u00e4gen zwar ein kurzes Aufbegehren zu sp\u00fcren ist, aber kaum Konsequenzen gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im besten Fall wird rechte Gewalt als \u00bbunverzeihlich\u00ab und \u00bbnicht tolerierbar\u00ab deklariert, eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, die diese Gewalt erst erm\u00f6glichen, findet in der Praxis jedoch nicht statt. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen stehen dieser Herangehensweise oft nur in wenig nach \u2013 in dem rechte Gewalt allein als Gefahr f\u00fcr die Demokratie betrachtet wird und sich in einem gemeinsamen \u00bbNie Wieder\u00ab eingeschworen wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">What\u2019s left?<\/h3>\n\n\n\n<p>Insofern muss eine antifaschistische und kritische Auseinandersetzung mit rechter Gewalt immer auch deren Entstehungsbedingungen reflektieren, die mit den Verh\u00e4ltnissen in kapitalistischen Gesellschaften zusammenh\u00e4ngen. In diesen ist das Leben der meisten Mensche von Erfahrungen der Entfremdung, Konkurrenz, Ohnmacht, Vereinzelung und Widerspr\u00fcchlichkeit gepr\u00e4gt. Deren Verarbeitung f\u00e4llt umso regressiver aus, je st\u00e4rker autorit\u00e4re Dispositionen ausgepr\u00e4gt sind. Rechte Ideologien bieten hier vermeintliche Orientierung und Erkl\u00e4rungsmuster, die mit rassistischen und antisemitischen Feindbildern sowie der Vorstellung einer homogenen, bedrohten Gemeinschaft operieren. Hinzu kommen M\u00e4nnlichkeitskult und Verschw\u00f6rungsphantasien. Der Akt der Gewalt manifestiert den Prozess der Ausgrenzung des Anderen und schafft eine als \u00fcberlegen empfundene Identit\u00e4t. Betroffene von rechter Gewalt werden von den T\u00e4ter*innen somit entindividualisiert und zu Objekten der eigenen Projektionen und unterdr\u00fcckten Bed\u00fcrfnisse gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit soll nicht behauptet werden, dass Neonazis einfach ein zwangsl\u00e4ufiges Ergebnis einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft sind \u2013 es ist schlie\u00dflich eine pers\u00f6nliche Entscheidung, sich einer solchen Ideologie anzuschlie\u00dfen. Aber der Kapitalismus tr\u00e4gt durch seine strukturellen Ungleichheiten und sozialen Spannungen zur Entstehung eben dieser Gewalt bei, weil die Mechanismen von rassistischer und antisemitischer Abwertung sowie rechter Gewalt eng mit den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen verbunden sind. Gleichzeitig ist rechte Gewalt keine beliebige Reaktion darauf, sondern wird von den T\u00e4ter*innen bewusst eingesetzt, um eigene ideologische Vorstellungen umzusetzen und Angst zu erzeugen. Dennoch werden rechtsmotivierte \u00dcbergriffe in der Regel nicht als Teil eines gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Problems, sondern als isolierte Einzelschicksale wahrgenommen. Neonazistische Gewalt kann jedoch nicht gestoppt werden, ohne die Verh\u00e4ltnisse zu benennen und abzuschaffen, in denen die (gewaltt\u00e4tige) Ausgrenzung von Menschen immer wieder Konjunktur hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Relevanz ideologiekritischer Analysen haben diese nat\u00fcrlich keinen Einfluss auf die Folgen f\u00fcr die Betroffenen, die unter der Gewalt leiden. Antifaschistische Kritik darf sich deshalb nicht nur auf die Auseinandersetzung mit den T\u00e4ter*innen fokussieren, sondern muss auch die Perspektive der Betroffenen einbeziehen. In diesem Sinne sind in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen und Projekte entstanden, in denen sich Betroffene von rechtem Terror organisiert und ihre Forderungen \u00f6ffentlich gemacht haben. Dennoch bleiben diese oft unerf\u00fcllt oder ungeh\u00f6rt \u2013 wie beispielsweise der Wunsch der Hinterbliebenen der NSU-Morde nach einer l\u00fcckenlosen Aufkl\u00e4rung der Taten und entsprechenden Konsequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb ist die Erinnerung an rechte Morde wie den an Thomas Schulz weiterhin von Bedeutung, nicht um Nostalgie oder Mythenbildung willen, sondern um die Kontinuit\u00e4t rechter Gewalt aufzuzeigen und diese in den Kontext gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse zu stellen. Ein breites Gedenken ist aber nicht um jeden Preis zu haben: Waren bereits vor dem 7. Oktober 2023 auf Gedenkdemonstrationen zum rassistischen Anschlag von Hanau schon Parolen wie \u00bbVon Hanau bis nach Gaza \u2013 Yallah Intifada\u00ab zu h\u00f6ren, so sind nach dem Massaker der \u00bbHamas\u00ab die D\u00e4mme des Antisemitismus vollends gebrochen. Seitdem gehen linke Gruppierungen auf die Stra\u00dfe, die die eigene Verkl\u00e4rung des islamistischen Terrors als Kampf gegen Rassismus verkaufen und sich nicht scheuen, das Gedenken an die Opfer rechten Terrors in den Wunsch nach der Vernichtung Israels einzubetten. An vielen Stellen und in linken Bewegungen haben sich anschlie\u00dfend tiefe Gr\u00e4ben aufgetan. Diese Gr\u00e4ben k\u00f6nnen allerdings f\u00fcr die gute Sache nicht einfach zugesch\u00fcttet werden. Die kritische Auseinandersetzung mit rechter Gewalt bedeutet f\u00fcr uns daher auch, deutlich gegen den gegenw\u00e4rtigen antisemitischen Furor und dessen Apologet*innen Stellung zu beziehen sowie islamistische Gewalt zu thematisieren.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">twentyyearslater<\/h1>\n\n\n\n<p>Wir wollen auf die beschriebene Kontinuit\u00e4t und akute Gefahr rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt aufmerksam machen. Deshalb wollen wir \u2013 20 Jahre nach dem Mord an Thomas Schulz \u2013 am 29. M\u00e4rz 2025 in Dortmund demonstrieren. Wir wollen an diesem Tag nicht nur an Thomas Schulz erinnern, sondern auch an alle, die dieser rechten Gewalt zum Opfer gefallen sind. Die Erinnerung an Thomas Schulz\u2019 Tod ist f\u00fcr die Dortmunder Antifa-Gruppen nach wie vor ein wichtiger Teil der Gedenkpolitik. In der breiten \u00d6ffentlichkeit droht diese Erinnerung jedoch zu verblassen. So gibt es auch nach 20 Jahren an der \u00bbKampstra\u00dfe\u00ab immer noch keinen visuellen Hinweis, der an den Tod von Thomas Schulz erinnert. Obwohl Lokalpolitiker<em>innen versprochen hatten, eine Gedenktafel anzubringen, waren es letztlich immer wieder Antifaschist<\/em>innen, die \u00fcber viele Jahre hinweg zum Todestag eine tempor\u00e4re Gedenktafel anbrachten. Die Dortmunder Verkehrsbetriebe entfernten diese jedoch stets nach kurzer Zeit wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger ist es, die Tat wieder ins Bewusstsein zu r\u00fccken. Wir sind der Auffassung, dass es dazu notwendig ist, den Todestag auch in diesem Jahr wieder mit einer Demonstration zu besetzen. Wie schon bei den bisherigen \u00bbSchmuddel\u00ab-Demos wollen wir damit unsere Kritik an Rassismus, Antisemitismus und der Verharmlosung rechter Gewalt sowie unsere Solidarit\u00e4t mit den Betroffenen lautstark in die \u00d6ffentlichkeit tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommt also am 29. M\u00e4rz (wieder) nach Dortmund und geht mit uns auf die Stra\u00dfe, wenn es hei\u00dft: Kein Vergeben und kein Vergessen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. M\u00e4rz fahren wir gemeinsam nach Dortmund, um dort an der Demonstration in Erinnerung an Thomas \u201eSchmuddel\u201c Schulz und allen Opfern rechter Gewalt teilzunehmen. 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