{"id":1670,"date":"2021-05-04T22:01:18","date_gmt":"2021-05-04T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/antifabonn.blackblogs.org\/?page_id=1202"},"modified":"2021-05-04T22:01:18","modified_gmt":"2021-05-04T22:01:18","slug":"bitburg-8-mai-historikerstreit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/?page_id=1670","title":{"rendered":"Bitburg \u2022 8. Mai \u2022 \u201eHistorikerstreit\u201c"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"western\">Die Wei\u00dfwaschung der deutschen Geschichte<\/h3>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>Vorgeschichte<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Die 50er und 60er Jahre waren gepr\u00e4gt vom \u201egro\u00dfen Frieden mit den T\u00e4tern\u201c: \u00dcber die Verbrechen der NS-Zeit wurde nicht debattiert, NS-T\u00e4ter wurden selbst in rangh\u00f6chsten Positionen der Gesellschaft und Politik toleriert beispielsweise der ber\u00fcchtigte Globke, Kommentator der N\u00fcrnberger \u201eBlutschutzgesetze\u201c und 1953-1963 Kanzleramtsminister unter Adenauer. Wer in der NS-Zeit verfolgt worden war, sah sich deswegen sogar Vorw\u00fcrfen ausgesetzt: mensch denke nur an die Vorhaltungen, die Willy Brandt in Wahlk\u00e4mpfen der 60er Jahre (auch von Konrad Adenauers) wegen seines Exils in Norwegen gemacht worden sind.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Erst mit der 68er Revolte wurde der \u00fcber die NS-Zeit gebreitete Mantel weggezogen: Die Revolte der 68er Jugendlichen und StudentInnen wurde gerade auch motiviert durch den Ekel vor der Verlogenheit der \u201eAuschwitz-Generation\u201c der eigenen Eltern, die jede Verantwortung weit von sich schob. Eine Diskussion entbrannte \u00fcber die personelle und strukturelle Kontinuit\u00e4t zwischen NS-Reich und BRD etwa am Beispiel des KZ-Architekten im Bundespr\u00e4sidentenamt, Heinrich L\u00fcbke. Im Zuge der Modernisierung des bundesdeutschen Herrschaftsapparats, die durch die Revolte ausgel\u00f6st wurde, wurde der \u201eExilant\u201c Willy Brandt Bundeskanzler; in diese Zeit fiel der Kniefall von Warschau als symbolisches Bekenntnis zur deutschen Schuld wobei diese Symbole sich freilich im Rahmen der \u201eNeuen Ostpolitik\u201c auch funktional in die damals neue Strategie der \u201efriedlichen\u201c wirtschaftlichen Durchdringung des Ostblocks einf\u00fcgten. Doch schon nach wenigen Jahr<\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1225\" aria-describedby=\"caption-attachment-1225\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1225\" src=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-31.png\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"242\"><figcaption id=\"caption-attachment-1225\" class=\"wp-caption-text\">Ziel des \u201eHistorikerstreits&#8220;: Aufr\u00e4umem mit den \u201eResten\u201c der ehemaligen DDR. Nichts soll mehr an eine Alternative zum kapitalistischen Szstem erinnern.<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">en wurde der \u201eExilant\u201c abgel\u00f6st vom Wehrmachts-Offizier Helmut Schmidt, statt \u201eReformen\u201c und Modernisierung war Restauration angesagt; im \u201eDeutschen Herbst\u201c 1977 war es schlie\u00dflich unm\u00f6glich geworden, \u00fcber die verbrecherische Nazi-Vergangenheit eines hohen Repr\u00e4sentanten wie Hanns-Martin Schleyer zu reden (einst SS-Statthalter in Prag und NS-Industrief\u00fchrer, zum Zeitpunkt seiner Entf\u00fchrung durch die RAF Chef der deutschen Arbeitgeberverb\u00e4nde). Doch die 70er Jahre waren auch die Zeit der B\u00fcrgerlnneninitiativen; in den 70ern und 80ern bildeten sich in vielen, auch kleinen, St\u00e4dten Initiativen und Geschichtswerkst\u00e4tten, die die NS-Vergangenheit an ihrem jeweiligen Ort aufrollten.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>Ausgangslage<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Aus Sicht der reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte stellte sich die Aufgabe, diese Entwicklung zur\u00fcckzudrehen: ein \u201erichtiger\u201c Nationalismus kann nur gedeihen, wo \u201eStolz auf die eigene Nation\u201c nicht durch l\u00e4stige dunkle Flecken in deren Geschichte behindert wird. Ihn ben\u00f6tigten sie je doch, um ihre Ziele durchzusetzen: (Wieder-)Aufstieg Deutschlands zur Gro\u00dfmacht; Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Ergebnisse des II. Weltkrieges wie beispielsweise: deutsche Zweistaatlichkeit (plus Verlust der ehemaligen Ostgebiete), Verbot eigener A-Waffen, \u201efehlende Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c. Jeder Versuch eines Neuentfachens \u201edeutschen Nationalstolzes\u201c, der gegebenenfalls dazu bereit war, \u201edeutsche Interessen\u201c mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, dr\u00e4ngte damit zwingend dazu, die deutschen Verbrechen der NS-Aera insbesondere die historisch einmalige Massenvernichtung der europ\u00e4ischen Juden und J\u00fcdinnen entweder zu leugnen oder zu verharmlosen, zu relativieren, gegen \u201efremde\u201c Verbrechen aufzurechnen (mit dem Ziel, sich gegenseitig freizusprechen). \u201eNiemals werden die Deutschen den Juden Auschwitz verzeihen.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Aera Kohl\u201c: Vorst\u00f6\u00dfe zur Nationalisierung bundesdeutscher Politik<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Schon kurz nach Abl\u00f6sung der sozialliberalen Koalition in Bonn 1982 durch die \u201eAera Kohl\u201c setzten daher Bestrebungen ein, die auf eine Neudefinition der deutschen Geschichte zwecks Erm\u00f6glichung eines neuen deutschen Nationalstolzes hinarbeiteten. Auf anderen Politikgebieten, wo eine reaktion\u00e4re \u201eWende\u201c er wartet worden war, wahrte die CDU\/CSU\/F.D.P.-Koalition weitgehende Kontinuit\u00e4t zur vorangegangenen SPD\/FD.P.-Koalition; beispielsweise wurde die sozialliberale \u201eEntspannungspolitik\u201c als Mischung aus milit\u00e4rischer Aufr\u00fcstung und Handel zwecks \u00f6konomischer Durchdringung des sowjetischen Blocks weitgehend fortgesetzt und nicht durch eine rein konfrontative Politik ersetzt. Auf dem Gebiet der (National-) Ideologie jedoch setzt(e) die \u201eAera Kohl\u201c neue Marksteine.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">In dieser Zeit formulierte Kohl den Satz von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c, der Kritik am Wegsehen und Mitmachen gro\u00dfer Teile der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus als Arroganz der Sp\u00e4tergeborenen abtut.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>Schw\u00e4chen der Reaktion der Linken<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Diese einschneidenden Ver\u00e4nderungen der \u201eAera Kohl\u201c wurden von gro\u00dfe Teilen der Linken in den Anfangsjahren v\u00f6llig ungen\u00fcgend wahrgenommen, daher auch nicht bek\u00e4mpft. Dies hatte mehrere Gr\u00fcnde: Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Linken hielt deutschnationale und revanchistische Bestrebungen f\u00fcr anachronistisch, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und mangels Realit\u00e4tstauglichkeit f\u00fcr ungef\u00e4hrlich; vermeintlich setzte das herrschende Lager ganz auf die EG-Integration und hatte die \u201eWiedervereinigung\u201c angeblich l\u00e4ngst aufgegeben. Dar\u00fcber hinaus blickte ein bedeutender Teil der Linken ganz auf die USA als &#8222;Hauptfeinde&#8220; und hielt den deutschen Imperialismus nur noch f\u00fcr dessen \u201eMarionette\u201c. Deutschnationale Bestrebungen im herrschenden Lager wurden kaum beachtet.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Schlie\u00dflich war das bisher fortschrittliche Lager gro\u00dfenteils in einer diffusen politisch \u00fcberwiegend unbewu\u00dften Massenbewegung aufgegangen, der Friedensbewegung, in der gro\u00dfe Teile das eigene Land nur mehr als \u201eSchlachtfeld Deutschland\u201c und als ,,Geisel der Superm\u00e4chte\u201c (bzw. der USA) wahrnahmen. Aus Angst um die eigene Vernichtung wurde die aggressive Politik des eigenen Landes (etwa Atomwaffenexporte nach S\u00fcdafrika, Brasilien oder Giftgas an den Irak) verharmlost oder \u201evergessen\u201c; Nationalismus wurde kaum kritisiert. In der rechtskonservativen bis rechtsextremen Zeitschrift \u201eCriticon\u201c freuten sich 1984\/85 Autoren \u00fcber die \u201eWiederbelebung der<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">deutschen Frage\u201c durch die Friedensbewegung; diese k\u00f6nne zwar nicht die richtigen Antworten geben, stelle aber die richtigen Fragen (angebliche Unterdr\u00fcckung durch die USA).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>Bitburg und der 8. Mai 1985<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Zum 1. Mai 1985 hatte sich US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan f\u00fcr einen Staatsbesuch angesagt. Sp\u00e4testens hier blamierten sich alle, die meinten, die BRD sei nur eine ohnm\u00e4chtige Marionette des US-Imperialismus. Urspr\u00fcnglich wollte Ronald Reagan auf seiner Visite das ehemalige KZ Dachau besuchen, die deutsche Bundesregierung war jedoch dagegen. Stattdessen forderte Kanzler Kohl den US-Pr\u00e4sidenten brieflich auf; mit ihm am 5. Mai den deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, wo auch SS-Angeh\u00f6rige begraben liegen. Der innenpolitische Schaden f\u00fcr die US-Regierung war betr\u00e4chtlich: 260 von 436 Kongre\u00dfabgeordneten, die einen Protestbrief unterschrieben, 53 von 100 US-Senatoren sowie 52 % der US-Bev\u00f6lkerung waren gegen den Besuch in Bitburg &#8211; die deutsche Bundesregierung bestand darauf; die \u201eNew York Times\u201c schrieb, Reagan gehe nur nach Bitburg, \u201eweil Kohl dies will\u201c. Alfred Dregger, Chef der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, griff in einem Brief die 53 US-Senatoren scharf an; ihre Kritik am Bitburg-Besuch empfinde er als Beleidigung seines 1944 an der Ostfront gefallenen Bruders und dessen Kameraden. Das deutsche Magazin \u201eQuick\u201c ver\u00f6ffentlichte einen antisemitischen Kommentar, in dem \u00fcber den \u201eEinflu\u00df des amerikanischen Judentums auf die Medien\u201c schwadroniert wurde. In Bitburg protestierten schlie\u00dflich Mitglieder j\u00fcdischer Gruppen, um einen Polizeieinsatz zu provozieren, dessen Bilder um die Welt gehen w\u00fcrden ohne den Gro\u00dfteil der westdeutschen Linken.<\/span><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1226\" aria-describedby=\"caption-attachment-1226\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1226\" src=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-33-300x146.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"146\" srcset=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-33-300x146.png 300w, https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-33.png 321w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1226\" class=\"wp-caption-text\">Tausende von Toten zeugten nach der Befreiung Bergen Belsens von der systematischen Vernichtung europ\u00e4ischer J\u00fcdinnen und Juden.<br \/>Kohl ehrte lieber faschistische Soldaten.<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Es folgte der 8. Mai 1985. Die Sondersitzung des Bundestages war im Vorfeld stark umstritten; Alfred Dregger kommentierte zum Sinn des 8. Mai: \u201eKatastrophen kann man nicht feiern. Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker hielt seine viel zitierte 8. Mai-Rede. Die Wogen von Bitburg mu\u00dften gegl\u00e4ttet werden: Die Rede z\u00e4hlte am Anfang alle Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung auf: Juden und J\u00fcdinnen, Kommunistlnnen, Homosexuelle, Sinti und Roma.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">1986 hielt der gr\u00fcne Bundestagsabeordnete J\u00fcrgen Reents dieselbe Rede mit dem gleichen Wortlaut vor dem Plenum des Bundestages, ohne allerdings vorher anzumerken, da\u00df es sich um die Weizs\u00e4cker-Rede von damals handelte: \u201eWir gedenken heute der Juden&#8230; der Kommunisten&#8230;&#8220; Bei der Aufz\u00e4hlung jeder Opfergruppe erntete er von den B\u00e4nken der CDU\/CSU Hohngel\u00e4chter und Zwischenrufe im dumpfesten Stammtischton (,\u201aNa klar, auch die Schwulen! Fehlen nur noch die Kommunisten&#8230; !&#8220;).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Im Mai 1986 berichtete die rechtsradikale Zeitschrift \u201eDeutschland in Geschichte und Gegenwart\u201c aus dem ber\u00fcchtigten Grabert-Verlag: \u201eUnion r\u00fcckt von Weizs\u00e4cker-Rede ab: &#8230; \u00dcberraschend hat die CDU\/CSU-Fraktion in Bonn sich geweigert, diese Rede entgegen fr\u00fcheren Absprachen zur Grundlage f\u00fcr eine gemeinsame Bonner Entschlie\u00dfung f\u00fcr ein Bonner Ehrenmal f\u00fcr die Opfer der NS-Gewaltherrschaft\u2018 anzunehmen. An bayerischen Schulen soll die Weizs\u00e4cker-Rede nicht mehr verbreitet werden d\u00fcrfen.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>1986: \u201eHistorikerstreit\u201c<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Im Jahr 1986 stand der Frankfurter Intendant G\u00fcnther R\u00fchle (seine Entscheidung f\u00fcr das Fassbinder-St\u00fcck \u201eDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u201c rechtfertigend, dessen Hauptfigur der raffgierige \u201ereiche Jude\u201c ist) vor Gericht wegen des Ausspruchs: \u201eDie Schonzeit f\u00fcr Juden ist vorbei. \u201cDiese \u00c4u\u00dferung beschreibt das gesellschaftliche Klima treffend: die Schonzeit war vorbei; der Boden war bereitet f\u00fcreinen gro\u00dfen Vorsto\u00df. Dieser kam in Gestalt des sogenannten Historikerstreits.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Schl\u00fcsselfiguren desselben waren neben dem hinl\u00e4nglich bekannten Berliner Professor Ernst Nolte auch der Historiker und Kohl.Berater Michael St\u00fcrmer sowie Redakteure der (Regierung und Wirtschaft eng verbundenen) \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c (FAZ).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Da\u00df der \u201eHistorikerstreit\u201c als Kampagne konservativer Historiker und politischer Kr\u00e4fte geplant und organisiert war, zeigt, da\u00df bereits im Fr\u00fchjahr 1986 von dem Historiker Andreas Hillgruber enger Verb\u00fcndeter von Nolte, St\u00fcrmer und Co. eine Aufsatzsammlung in Buchform erschienen war, die sich genau den im \u201eHistorikerstreit\u201c grundlegenden Themen und Fragen widmet. Das Machwerk tr\u00e4gt den bezeichnenden Titel \u201eZweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europ\u00e4ischen Judentums\u201c an der Formulierung sind klare Priorit\u00e4ten zu erkennen. Ein wenig sp\u00e4ter publizierte die \u201eFAZ\u201c einen Text des Historikers Ernst Nolte.~ Kern des Nolte-Artikels war die in Frageform verkleidete Behauptung: \u201eVollbrachten die Nationalsozialisten, voll brachte Hitler eine \u2018asiatische\u2018 Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sichund ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer \u2018asiatischen\u2018 Tat betrachteten? War nicht derArchipel \u2018GULag\u2018 (2) urspr\u00fcnglicher als Auschwitz?\u201c Die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden sei n\u00e4mlich \u201emit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung\u201c nichts anderes als das, was die Russische Revolution vollbracht habe: der \u201eKlassenmord\u201c der Bolschewiki, so Nolte, sei dem \u201eRassenmord\u201c der Nationalsozialisten vorausgegangen. \u201eDie sogenannte (!) Vernichtung der Juden w\u00e4hrend des Dritten Reiches war eine Reaktion oder eine verzerrte Kopie, aber nicht ein einmaliger Vorgang oder ein Original.\u201c Die Nazis h\u00e4tten nur aus Angst, der Vernichtung durch den sowjetischen (,\u201aasiatischen Bolschewismus anheimzufallen, als Reaktion darauf den Holocaust begangen das nannte Ernst Nolte den \u201eWeltb\u00fcrgerkrieg\u201c. (Eine Gleichung, die \u00fcberhaupt nur dann Sinn macht, wenn man den \u201eBolschewismus\u201c als Werk der Juden betrachtet.)<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Gegen Kritik an seinen Thesen sprang Nolte der \u201eFAZ\u201c-Herausgeber Joachim Fest zur Seite. Fest ist Autor des (1973, unmittelbar vor seinem Eintritt in die \u201eFAZ\u201c-Redaktion, erschienenen) Buches \u201eHitler, eine Karriere\u201c und damit des gleichnamigen Filmes. Darin schreibt er: \u201eWenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen w\u00e4re, w\u00fcrden nur wenige z\u00f6gern, ihn einen der gr\u00f6\u00dften Staatsm\u00e4nner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte, zu nennen.\u201c Joachim Fest schrieb nun anl\u00e4\u00dflich des \u201eHistorikerstreits\u201c in der \u201eFAZ\u201c (3) zur Verteidigung der Nolte-Thesen, Hitlers \u201eAusrottungskomplexe\u201c h\u00e4tten einen \u201erealen Hintergrund\u201c gehabt, da \u201eunter denen, die der schon bald in Chaos und Schrecken auslaufenden M\u00fcnchener R\u00e4terepublik vorgestanden hatten, nicht wenige Juden gewesen waren\u201c. Kurz zuvor hatte \u201eFAZ\u201c-Redakteur G\u00fcnter Gillessen dar\u00fcber schwadroniert, ob nicht Hitler mit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion 1941 nur knapp einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen sei (4).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Die Gegenposition zu Nolte, St\u00fcrmer, Fest &amp; Co. bezog im \u201eHistorikerstreit\u201c 1986 der linksliberale Sozialwissenschaftler J\u00fcrgen Habermas in der Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c Er verteidigte in seiner Argumentation den \u201eVerfassungspatriotismus\u201c, also eine Identifikation mit dem Staat nicht \u00fcber Nation und Ethnie, sondern \u00fcber die Verfassung und ihre Grundrechte, und gab dies als bisherigen bundesdeutschen Grundkonsens aus, den nun Nolte &amp; Co. nach rechts hin verlassen h\u00e4tten. Ein verh\u00e4ngnisvoller Irrtum: weder gab es einen solchen Grundkonsens bis in die 70er Jahre hinein war unbestrittener politischer und juristischer Konsens, da\u00df die BRD Nachfolgestaat des Deutschen Reiches mit Anrecht auf die Grenzen von 1937 und die \u201edeutschen Ostgebiete\u201c sei. Noch waren es Note und Co., die, wie Habermas 1986 glaubte, sich in einer Randposition isolierten. Und was, wenn wie 1989\/90 geschehen das Grundgesetz mit seiner Wiedervereinigungspr\u00e4ambel selbst die Grundlage f\u00fcr eine neue, von (fast) allen politischen Parteien getragene, Nationalstaatlichkeit abgeben w\u00fcrde?<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Auf die Entwicklung seit dem \u201eHistorikerstreit\u201c 1986 nur ein paar Schlaglichter:<\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Im November 1988 f\u00fchrte Bundestagspr\u00e4sident Philipp Jenninger (CDU) auf einer Bundestagssitzung zum 50. Jahrestag der \u201eReichskristallnacht\u201c aus: \u201eDie Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst bei distanzierterR\u00fcckschau und in Kenntnis des Folgenden ein Faszinosum\u201c,,Vollbesch\u00e4ftigung\u201c, \u201eWohlstand\u201c, \u201estaunenerregende Erfolge\u201c, \u201ees herrschte Selbstvertrauen\u201c. Wir Deutschen sollten \u201eunsere Vergangenheit als Teil unserer Idendit\u00e4t als Deutsche annehmen\u201c, denn \u201edies allein verhei\u00dft uns Befreiung von der Last der Geschichte.\u201c<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">1989 schwadronierte Hans \u201eJohnny\u201c Klein (CSU) in einem Interview in \u201eQuick\u201c: \u201eDie Waffen-SS war doch eine k\u00e4mpfende Truppe, keine Verbrecher. Die glaubten, ihr Vaterland verteidigen zu m\u00fcssen. Das alles wurde j\u00fcngeren Generationen nicht vermittelt. Und das alles hat dazu gef\u00fchrt, da\u00df wir unvers\u00f6hnt mit unseren Toten leben. Das vertr\u00e4gt ein Volk nur schwer.\u201c Es gab einen kleinen Skandal; die SPD stellte daraufhin im Bundestag den Antrag, das N\u00fcrnberger Urteil von 1946\/47 zu best\u00e4tigen, wonach die SS und Waffen-SS verbrecherische Organisationen sind. Dieser Antrag wurde schon in den Reihen der SPD-Fraktion wo auch ehemalige SS-M\u00e4nner sitzen, wie der Dortmunder Oberb\u00fcrgermeister Samtlebe verw\u00e4ssert: nunmehr sollte nur best\u00e4tigt wer den, \u201eEinheiten der SS und Waffen-SS\u201c seien verbrecherisch gewesen. Die gesamte CDU\/CSU-Fraktion und die F.D.P.-Fraktion bis auf f\u00fcnf Abgeordnete stimmten diesem bescheidenen Antrag nicht zu. D.h.: die Mehrheit des Bundestages lehnte es ab, das N\u00fcrnberger Urteil \u00fcber die SS zu best\u00e4tigen.<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Der Niedergang der DDR 1989 brachte eine neue Qualit\u00e4t des Geschichtsrevisionismus mit sich, da nunmehr \u201eAufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur\u201c proklamiert und diese dazu benutzt wird, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Ein ostdeutscher Schriftsteller entdeckt in den Stasi-Akten ein \u201eAuschwitz in den Seelen\u201c, und allgemein wird der Anschein erweckt, es mache einen geringen Unterschied, ob 200 DDR-B\u00fcrger an der Staatsgrenze erschossen wurden oder 6 Millionen j\u00fcdische und andere Menschen einer industriellen Vernichtung unterzogen worden sind. KZ-Gedenkst\u00e4tten der Ex-DDR wie Buchenwald werden umgebaut, um nun auch der \u201eVerbrechen an Deutschen\u201c nach 1945 zu gedenken wobei zumindest ein Teil der damals Internierten aktive Nazi-T\u00e4ter waren.<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Im Oktober 1992 wollte der Staatssekret\u00e4r im Wirtschaftsministerium, Erich Riedl (CSU; geistiger Urheber der \u201easylantenfreien Zone im M\u00fcnchener S\u00fcden\u201c) in Peenem\u00fcnde den 50. Jahrestag der Entwicklung der \u201eV 2\u201c-Raketen feiern der \u201eWunderwaffe\u201c der Nazis, produziert durch zehntausende Sklavenarbeiter. Er wurde (nach Protesten im In- und Ausland) zur\u00fcckgepfiffen, lehnte seinen R\u00fccktritt aber ab.<\/span><\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">Im Jahr 1993 wurde die Gedenkst\u00e4tte \u201eNeue Wache\u201c (\u201eKranzabwurfstelle in Berlin\u201c) in Betrieb genommen \u201ezum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft\u201c. Darunter fallen der Vorsitzende Richter des \u201eVolksgerichtshofs\u201c Roland Freisler, der von einer Bombe der Alliierten get\u00f6tet wurde, ebenso wie der KZ-H\u00e4ftling oder die fabrikm\u00e4\u00dfig vernichteten Juden\/J\u00fcdinnen.<\/span><\/span><\/li>\n<li>\n<figure id=\"attachment_1227\" aria-describedby=\"caption-attachment-1227\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1227\" src=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-37-300x206.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-37-300x206.png 300w, https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/8Mai_Bild-S-37.png 453w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1227\" class=\"wp-caption-text\">Appell im KZ-Neuengamme bei Hamburg vom 8. September 1944. Zeichnung von F.L. Bertrand.<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">1994 fragte Regierungssprecher Dieter Vogel im Zusammenhang mit den bevorstehenden \u201eD-Day\u201c-Feiern zur Landung der Alliierten in der Normandie (6.6.1944): \u201eGlauben Sie wirklich, da\u00df der Bundeskanzler eine Schlacht feiern w\u00fcrde, bei der deutsche Soldaten eine Niederlage erlitten haben?\u201c Zum 8. Mai 1995 \u00e4u\u00dferte sich wieder Alfred Dregger: \u201eVertreibung von 14 Millionen Deutschen aus ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat&#8230;, Abtrennung Ostdeutschlands und des Sudetenlandes von Deutschland, 45 Jahre Stalin-Diktatur in Mitteldeutschland. Fazit: Zum Feiern besteht wahrlich kein Anla\u00df.\u201c<\/span><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\"><b>Fu\u00dfnoten<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">1 FAZ vom 6.6.1986<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">2 \u201eArchipel GULag\u201c: sowjetische Zwangsarbeitslager<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">3 FAZ vom 29.8.1986<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">4 FAZ vom 20.8.1986<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"><span style=\"font-size: small\">5 \u201eDie Zeit\u201c vom 11.7.1986<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">April 1995&nbsp; <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1264\" src=\"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/files\/2021\/05\/AABO-LOGO.png\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"57\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wei\u00dfwaschung der deutschen Geschichte Vorgeschichte Die 50er und 60er Jahre waren gepr\u00e4gt vom \u201egro\u00dfen Frieden mit den T\u00e4tern\u201c: \u00dcber die Verbrechen der NS-Zeit wurde nicht debattiert, NS-T\u00e4ter wurden selbst&hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":14418,"featured_media":0,"parent":1663,"menu_order":6,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1670","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1670","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14418"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1670"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1670\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/antifabonn.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1670"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}